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Was bedeutet die sinkende Inflation für Anleger:innen?

Fabio Canetg 26. März 2024 4 Min. Lesedauer

In allen wichtigen Währungsräumen der Welt sinkt die Inflation stark. In der Schweiz hat die Nationalbank bereits eine erste Zinssenkung beschlossen. Und auch die amerikanische Fed und die Europäische Zentralbank signalisieren erste Zinssenkungen. Was bedeutet das für Anleger:innen?

Das wars dann wohl mit den ganz hohen Teuerungsraten: Nach Inflationsraten von rund zehn Prozent in der Eurozone und in den USA im Sommer 2022 scheint der Spuk vorerst vorbei zu sein. Das gilt auch für die Schweiz: Auch hier lag die Inflation im Sommer 2022 mit 3.5 Prozent auf einem 30-Jahre-Hoch. Und auch das ist längst Geschichte.

Wie wirkt sich das auf Anleger:innen aus? Die vermeintliche Antwort ist einfach: Es wirkt sich positiv aus. Bei genauerem Hinsehen ist die Antwort aber gar nicht so klar. Und zwar darum, weil die Zentralbanken zwischenzeitlich die Zinsen stark erhöht haben – teilweise in sehr grossen Schritten von bis zu 0.75 Prozentpunkten. Das verteuerte Kredite in einer Weise, wie es seit den frühen 1980er-Jahren nicht mehr vorgekommen ist.

Für Zahlen-Liebhaberinnen: In der Eurozone stiegen die Leitzinsen von –0.5 Prozent auf 4 Prozent; in den USA von 0 Prozent auf 5.5 Prozent; und in der Schweiz von –0.75 Prozent auf zwischenzeitlich 1.75 Prozent.

So wirken höhere Zinsen

Und diese Zinserhöhungen gingen nicht spurlos an der Wirtschaft vorbei. Für Immobilien-Eigentümerinnen und Hauskäufer bedeuteten sie vor allem: höhere Hypothekarzinsen. Bauen wurde in den letzten zwei Jahren also teurer – entsprechend stark sind die Bau-Investitionen zurückgegangen. Das bremst die Inflation. Der Grund: Wenn die Kunden nicht mehr Schlange stehen, um sich eine Offerte für einen Haus-Umbau geben zu lassen, überlegt sich ein Bauunternehmer zweimal, ob er die Preise wirklich noch weiter erhöhen will.

In der Schweiz wirkten die Zinserhöhungen zusätzlich über den Wechselkurs. Die Schweizerische Nationalbank sagte schon im Dezember 2021, sie werde eine Aufwertung des Franken zulassen. Die Idee: Je teurer der Franken ist, desto günstiger sind ausländische Währungen. Und das wiederum reduziert die Preise von Gütern, die wir im Ausland kaufen. Ein starker Franken trägt so zu einer tiefen Teuerung bei.

Die Zinsen könnten schon bald wieder sinken

Mittlerweile wissen wir: Das alles ist nicht bloss trockene Theorie. Die Zinserhöhungen haben tatsächlich gewirkt. In der Eurozone stiegen die Preise nach einem Höhepunkt bei 10.6 Prozent zuletzt um nur noch 2.6 Prozent. Und in den USA lag die Teuerungsrate im Februar 2024 bei nur noch 3.2 Prozent. Die Inflation ist also in beiden Währungsräumen wieder nahe am Zielwert von zwei Prozent.

 

Bereits innerhalb des Inflations-Zielbandes liegt die Teuerung in der Schweiz. Hier strebt die Schweizerische Nationalbank eine Teuerung zwischen null und zwei Prozent an. Zuletzt lag die Inflationsrate in der Schweiz bei nur noch 1.2 Prozent.

Genau darum konnte die Schweizerische Nationalbank an ihrer März-Sitzung die Leitzinsen bereits ein erstes Mal senken. Und wenn nichts Aussergewöhnliches passiert, werden die Fed und die Europäische Zentralbank schon bald mitziehen. Aktuell geht die grosse Mehrheit der Marktbeobachterinnen für diese beiden Währungsräume von einer ersten Zinssenkungen im Juni aus.

Was bedeutet das für Anleger:innen?

Ob das aber zwingend gute Nachrichten für Anleger:innen sind, ist nicht so klar.

Zwar zeigen sinkende Zinsen, dass das Inflationsproblem der letzten Jahre gelöst ist. Das reduziert die Unsicherheit – und macht, dass Firmen wieder mehr investieren. Üblicherweise geht das einher mit steigenden Firmenbewertungen – sprich: steigenden Aktienkursen. In diesem Sinne sind sinkende Zinsen ein gutes Zeichen für Anleger:innen.

Allerdings bedeuten sinkende Zinsen auch, dass die Zentralbanken zuvor kräftig gebremst haben. Sie sind also ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft nicht mehr ganz so rund läuft wie noch vor einigen Monaten. Das sehen wir zum Beispiel in Deutschland, wo die Wirtschaft zuletzt schrumpfte. Und je schwächer die Wachstumsaussichten sind, desto weniger dynamisch entwickeln sich die Aktienpreise. Sinkende Zinsen sind aus dieser Perspektive also eher ein schlechtes Zeichen für Anleger:innen.

Sinkende Zinsen können aber auch einen Null-Effekt auf die Aktienpreise haben. Es sind nämlich nicht die sinkenden Zinsen an und für sich, die für steigende Aktienpreise sorgen – wie viele Marktkommentatoren häufig behaupten. Es sind viel eher die Erwartungen von sinkenden Zinsen. Das heisst im Umkehrschluss: Ein unmittelbarer positiver Effekt auf die Aktienkurse ist von bereits antizipierten Zinssenkungen nicht zu erwarten.

Es könnte gar sein, dass die Zinsen dieses Jahr weniger stark sinken werden, als noch vor einigen Wochen erwartet wurde. Für die Aktienkurse wären das dann schlechte Nachrichten.

Autor Fabio Canetg hat an der Universität Bern und an der Toulouse School of Economics zum Thema Geld­politik doktoriert. Heute unterrichtet er im Ökonomie-Masterlehrgang der Universität Neuchâtel, zudem ist er Dozent MAS an der Universität Bern. Als Journalist arbeitet er hauptsächlich für das Schweizer Radio und Fernsehen und swissinfo.ch. Er moderiert den Geldpolitik-Podcast «Geldcast» und den Finanzpodcast «Börsenstrasse Fünfzehn»


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